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Ein Brunnen und das „Dunkelfeld“

Bronzeskulptur: Drei Jungen stehen im Kreis, halten sich an den Händen im Kreis um ein Mädchen. Das hockt am Boden und kann nicht weglaufen. Das Denkmal ist nach dem Lied 'Türelüre-Lißje' geschaffen.
Debatte um das Denkmal „Türelüre-Lißje“ an der Klappergasse.
Datum:
11. Feb. 2026
Von:
Angela Reinders

Wie genau der Name „Türe-Lüre-Ließjen“ entstanden ist, dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen. Die bekannteste: Es ist eine Reminiszenz an die Besetzung Aachens durch die Franzosen zwischen 1794 und 1814. Dann würde „Türelür“ sich darauf beziehen, dass das kleine Lieschen immer viel und in der gleichen Leier gejammert hat. Ihr Spitzname kann auch eine Abwandlung von „Dööre-luure-Ließjen“ sein, ein Mädchen, das hinter alle Geheimnisse kommen möchte, hinter jede Tür lauert, mit ihrer Neugierde allen auf die Nerven geht.

Das Brunnendenkmal des Aachener Bildhauers Hubert Löneke aus dem November 1967 steht zwar genau zwischen Gebäuden der Verwaltung des Bistums Aachen, aber auf öffentlichem Gebiet. Wir gehen daher häufig dort vorbei, wenn wir mit den Kolleg:innen verabredet sind.

Es setzt ein Lied ins Bild, das besingt, wie dieses Lieschen auf dem Weg nach Hause war, weil sie dringend mal musste, und die Jungen der Nachbarschaft sie daran hinderten. Wohl als Reaktion darauf, dass sie sich in der einen wie der anderen Weise bei ihnen nicht beliebt gemacht hatte. So blieb ihr nichts anderes übrig, als sich einzunässen. Mit Blick auf die beiden möglichen Herkunftserklärungen ist man hier schon wacker auf dem Weg der Täter-Opfer-Umkehr. 

Perspektive erweitern

Warum genau dichtet man so ein Lied? Das ist die erste Frage. Sollte man man ihm auch noch ein Brunnendenkmal setzen? Diese Frage würde heute vermutlich anders beschieden. Sexualisiertes Mobbing ist kein Begriff aus den 1960er-Jahren. Zum Glück ist es ein heute bekannter Begriff.

Einmal von einer anderen Seite aus betrachtet und weitergedacht: Was singen die Männer beim „Klaasohm“, dem traditionellen Brauch auf der Nordseeinsel Borkum, Frauen zu schlagen, und wenn sie was singen, gibt es dazu ein Denkmal? Nein, im Gegenteil, es gab dazu Sendeminuten bei allen Nachrichten und ein erkennbares Umdenken darin, wie mit solchen Traditionen in einer gewandelten Gesellschaft umgegangen werden soll.

Als kirchliche Einrichtung und als kirchlich Mitarbeitende sind wir mit diesen Fragen immer befasst: Ist „Tradition“ Argument genug, die Dinge zu lassen, wie sie sind? Wir wissen, wie schwer das Argument in der Waagschale wiegt, und nicht immer ist es eines, das man leicht von der Hand wischen kann oder sollte. Wir werden damit häufig konfrontiert und häufig auch zu Recht. 

In Fluss geraten

Hier ist ein Bach sozusagen Auslöser dafür, dass Dinge in Fluss geraten können: Weil in dem Bereich das Wasser wieder an der Oberfläche sichtbar werden soll, gibt es die Diskussion.

„Kunst ist dazu da, Impulse zu setzen, anzuregen, Diskussionen auszulösen. Sie zu entfernen bedeutet, sie aus diesem Dialog herauszunehmen. Deshalb mache ich mich dafür stark, den Brunnen zu erhalten“, sagt der Oberbürgermeister Dr. Michael Ziemons. 

Der Bürgerinnenantrag, das Denkmal im Zuge der Umgestaltung zu entfernen, ist ein Segen. Denn vorher war da kein Dialog. Vorher war da nur das Denkmal, das Scharen von Menschen besuchen, gerade Kindergruppen, um an dieser Stelle das Lied zu singen. Mädchen wie Jungen.

Unsere Tagung zum Thema Femizid im Oktober 2025 hat gezeigt, wie viel noch aufzuarbeiten ist, damit die Gewalt an Frauen mindestens abnimmt und am liebsten verschwindet.

Nächste Schritte

Im Zuge der Studie im Dunkelfeld, „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ (LeSuBiA), die am 10. Februar 2026 veröffentlicht wurde, sind erste Erkenntnisse in der Umsetzung, die auch in unserer Tagung als notwendige Schritte identifiziert und gefordert wurden. 

Wenn also Dialog an diesem Brunnen sein soll, dann mindestens eine Erklärung. Darüber hinaus ein Hinweis auf Beratung bei sexualisierter Gewalt, wie er auch in vielen Kirchen und Gemeindezentren hängt. Ein QR-Code, über den Frauen die App "Gewaltfrei in die Zukunft" herunterladen können, mit der sie erlittene Gewalt erst einmal in einem geschützten Rahmen rechtssicher dokumentieren können, und vielleicht sogar einen Impuls erhalten, sie anlässlich dieses dialogischen Angebots an dieser Stelle zu melden. 

Denn bei diesem Mädchen geht es wie bei heutigen Fällen sexualisierten Mobbings und sexualisierter Gewalt um Scham, die Opfer daran hindert, Anzeige zu erstatten. 

Das würde die Chance eröffnen, aus dem „Türelür“, der wahrscheinlich schon damals in Wirklichkeit etwas anderes war, einen konstruktiven Gesprächsbeitrag zu machen.