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Enzyklika von Leo XIV.:„Magnifica humanitas“

Hände des Papstes über dem Dokument der Enzyklika 'Magnifica humanitas', mit dem Füller in der rechten Hand setzt er die Unterschrift unter das Dokument.
Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz: Ein Papstbrief aus der Perspektive katholischer Soziallehre.
Datum:
1. Juni 2026
Von:
Angela Reinders

Das erste Grundsatzdokument des neuen Papstes, von den einen mit Spannung erwartet, von anderen kritisch: Künstliche Intelligenz? Dieses Thema für ein päpstliches Lehrschreiben? Ist das, vom Kern der Botschaft her gedacht, von Bibel und Verkündigung, nicht eher ein sehr spezielles Randthema? Auch solche Stimmen sind zu hören. Man muss nur in die Gliederung der Enzyklika schauen, um zu erfassen, wie sehr sie Papst Leo XIV. vom Grund der Botschaft her konzipiert. 

In den ersten Kapiteln spricht er kaum von digitalen Prozessen oder Strukturen. Er spricht vom Leben im biblischen Gesamtentwurf: von Gemeinschaft und Verantwortung. 

Gemälde, Öl auf Eichenholz, Der Turmbau zu Babel aus dem Jahr 1563.

Was er zu sagen hat, formuliert er als Weiterentwicklung "der kirchlichen Soziallehre von Leo XIII. bis heute" in der geistigen und geistlichen Traditionslinie, in die er sich gestellt hat: 1891 veröffentlichte Leo XIII. die Sozialenzyklika „Rerum novarum“ als originäre Antwort auf die sozialpolitischen Umwälzungen der Arbeitswelt in seiner Zeit, ausgelöst durch die Erfindung der Maschine. In seiner Enzyklika rekurriert der heutige Papst 135 Jahre später auf die "Geburtsstunde" der katholischen Soziallehre.  

Mit dem Motiv zweier Bauprojekte verdeutlicht Leo XIV., wie unterschiedlich das Leben aufgefasst werden kann, schließlich auch relevant dafür, wie man eine digitale Infrastruktur baut. Im krassen Gegensatz steht der Turmbau zu Babel (biblisches Buch Genesis 11,1-9) zur hegenden Mauer im nachexilischen Jerusalem (biblisches Buch Nehemia, Kapitel 1 und 2). Der Turmbau setzt auf Größe, postuliert Einheit, geht dazu über Vielfalt hinweg und scheitert schließlich in der Verwirrung. Das andere bezieht die Bedürfnisse aller mit ein und macht keinen Bogen um erlittene Verletzungen. Beide Motive ziehen sich durch die gesamte Enzyklika, strukturieren die Gedankengänge und erinnern daran, dass es an den Menschen ist, sich zu entscheiden, worauf sie bauen.

Was der Papst als relevant beschreibt, ist auch ohne Digitalität und künstliche Intelligenz bedroht: Demokratie, Solidarität, Zusammenhalt. Allerdings haben Menschen durch künstliche Intelligenz die Möglichkeit, fragile Strukturen zu beeinflussen und im Sinne eigener Interessen zu ihren Gunsten zu entscheiden. Die Kombination aus Kontrolle von Kommunikationskanälen, Geld und politischer Machtkonzentration bringt das Gefüge der Weltgemeinschaft aus den Fugen. In einer Situation weltweit wieder zunehmender Kriege scheint der Friede nicht einmal mehr eine erstrebenswerte Option. Vielmehr dominieren Feindbilder, schwarzweiß gezeichnet. Als notwendigen Gegenentwurf zu "Methode des Krieges" bringt der Papst (221) ein, was er über die "Methode des Friedens" bereits an anderer Stelle gesagt hat: "Die Anderen sind nicht zuerst unsere Feinde, sondern unsere Mitmenschen; sie sind keine Verbrecher, die man hassen muss, sondern Männer und Frauen, mit denen wir sprechen können" [Ansprache von Papst Leo XIV. an die Teilnehmer der Heilig-Jahr-Feier der orientalischen Kirchen (14. Mai 2025): AAS 117 (2025), 686].

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In diesen Kontext lässt sich anhand der Worte des Papstes darstellen, dass es nie nur um eine abstrakte Ethik der Künstlichen Intelligenz gehen kann. Opfer von kriegerischer Auseinandersetzung und Gewalt dürfen nie schlichtweg "zu Daten reduziert werden" (198). Wenn der Papst daher mahnt, "die Perspektive der Opfer" einzunehmen, spricht er auch von Betroffenen, die durch das Handeln der Kirche Gewalt erfahren haben.

"Im Inneren der Kirche […] gehört es wesentlich zu einem Weg der Gerechtigkeit, dass den Opfern von geistlichem, wirtschaftlichem, institutionellem, sexuellem Missbrauch, von Machtmissbrauch und Missbrauch des Gewissens Gehör geschenkt wird […]" (89).

Auch die Künstliche Intelligenz produziert ihre Opfer: Sie verbraucht Ressourcen benachteiligter Gebiete der Erde, nutzt Daten von Menschen, die dem nie zugestimmt haben, beruht auf der stillen und häufig brutalen Arbeit der "Datenbeschriftung, Moderation von Inhalten – oftmals der schlimmsten Art – und Modelltraining. In vielen Fällen handelt es sich um junge Menschen, zumeist Frauen, die für einen Mindestlohn hart arbeiten. Zu dieser unsichtbaren Mühe kommt die noch brutalere Arbeit hinzu, die Ressourcen zu gewinnen, die für die Herstellung der Geräte und Mikroprozessoren benötigt werden, auf denen KI basiert" (173), mit Kinderarbeit und Menschenhandel einhergeht. 

Porträt einer Frau, es zeigt das Bild der ersten heiliggesprochenen Kolumbianerin Laura Montoya.

Mit der Forderung, "die Ketten der neuen Formen der Sklaverei (zu) sprengen", verbindet der Papst eine aufrichtige Bitte um Vergebung. Denn es lässt sich „die Verzögerung nicht leugnen oder herunterspielen, mit der die Kirche und die Gesellschaft die Geißel der Sklaverei verurteilt haben“ (176). „Die von Gott geschaffene großartige Menschheit“, nach diesem Beginn ist ja die Enzyklika „Magnifica humanitas“ benannt, zu schützen, zu pflegen und zu gestalten ist eine große Aufgabe. Vor ihr gilt es jedoch nicht zu resignieren. Es gibt einzelne Personen, denen es gelingt, die Geschichte zu prägen und zu verändern. Unter mehreren Beispielen nennt Papst Leo hier auch Laura Montoya (124), eine Heilige aus Kolumbien, nach der einer unserer Tagungsräume benannt ist. 

Diese Beispiele ermutigen vielmehr, mit den Worten Tolkiens gesprochen, die der Papst zitiert,

"in den Jahren, auf die wir beschränkt sind, zu tun, was wir können, um das Übel auf den uns bekannten Feldern auszujäten, damit jene, die nach uns kommen, einen guten Boden vorfinden" (J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe. Bd. 3. Die Wiederkehr des Königs, Stuttgart 2001, 184).

Der Boden weist auf Felder, die es zu bestellen gilt. Künstliche Intelligenz ist nicht ein isoliertes dieser Felder, sondern durchzieht alle anderen. Wie kultiviert die Menschheit damit umgeht, entscheidet sich an der Art und Weise, wie sie baut.