Gelungenes Zuhören zwischen Hochschule und Akademie – und weit darüber hinaus

22. Juli 2026

Vortrag und Diskussion mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zum Abschluss eines gemeinsamen Semesterprojekts

Eine gelungene Kooperation zwischen der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (katho) am Standort Aachen und der Akademie des Bistums Aachen erlebte am Donnerstag, dem 16. Juli 2026, ihren eindrucksvollen Abschluss. Im nunmehr ablaufenden Sommersemester hatten sich sowohl Studierende der katho in ihren Seminaren unter der Leitung von Prof. Dr. Ulrich Feeser-Lichterfeld und Prof. Dr. Manfred Borutta sowie auch die Studienleitungen der Akademie des Bistums Aachen rings um ihre Direktorin Dr. Angela Reinders mit dem „Zuhören“ beschäftigt, mit dessen zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Implikationen. Leitlinie und Rahmung war dabei das Buch „Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen“ von dem bekannten Medienwissenschaftler Prof. Dr. Bernhard Pörksen, Hochschullehrer an der Universität Tübingen.

Auftaktveranstaltung im Mai

Bei einer gemeinsamen Auftaktveranstaltung im Mai in der katho lernten sich die Studierenden und die Studienleitungen der Akademie kennen und sprachen über das jeweils eigene Verständnis guten Zuhörens. Entwickelt wurden Ideen für eigene Zuhör-Projekte, die dann während des Sommersemesters in die Tat umgesetzt wurden.

Die Studierenden nahmen Kontakt zu verschiedenen Berufsgruppen auf, bei denen das Zuhören einen elementaren Teil des Berufs ausmacht, und führten mit Menschen aus ihrer beruflichen Praxis heraus Interviews über deren Zuhör-Erfahrungen. Im Fokus standen dabei OGS-Kräfte, ein Musikproduzent, Genesungsbegleiter:innen in der Psychiatrie, Seelsorge im Justizvollzug und Frisör:innen. Dort lernten die Studierenden u.a. das Konzept des „Silent Cut“ kennen, des Haarschnitts im Schweigen und der Stille.

Die Studienleitungen der Akademie des Bistums setzten sich im gleichen Zeitraum zum Zuhören an öffentliche Orte, z.B. Bushaltestellen, Bahnhöfe oder in den Aachener Elisengarten. Schilder etwa mit der Aufschrift „Ich höre Dir zu“ luden fremde Menschen dazu ein. Hauptsächlich waren es Erwachsene, die erst eine Weile vorsichtig beobachteten und sich dann doch dankbar auf das Angebot einließen. Ganz anders übrigens eine Kindergruppe, die auf einen der Akademiemitarbeitenden zulief und ihn ihrerseits mit Fragen löcherte.

Schilder für die Zuhör-Aktion der Studienleitungen

In einem abschließenden Workshop in der Akademie des Bistums Aachen trafen sich Studierende, Lehrende und Studienleitungen am Semesterende erneut, um die Erlebnisse und Erkenntnisse auszutauschen. Dieses Mal in den Akademieräumlichkeiten reflektierten sie das Potenzial und die Relevanz des Zuhörens für professionelle Kontexte, aber auch die Gesellschaft allgemein. Dabei leiteten vier Aspekte des Zuhörens aus dem Titel von Pörksen an und ermutigten zugleich zum wechselseitige Zuhören in bunt gemischten Kleingruppen: Wir hören, was wir fühlen – Grenzen und Pausen beim Zuhören – Gesellschaft bauen durch Zuhören – Wem zuhören? Dabei wurde das persönliche wie professionelle Potenzial des einander Gehörschenkens von den Mitwirkenden noch einmal deutlich erfahren: „Zuhören“, so eine Studierende, „ist nicht passiv, sondern aktiv.“ Und jemand anders brachte die Stimmung im Workshop zum Ausdruck: „Demokratie funktioniert nicht ohne Zuhören!“

Abend mit Bernhard Pörksen

Ein Buch nicht nur zu lesen, sondern dessen Autor auch erleben und mit ihm diskutieren zu können, dazu bot der Abend des 16. Juli 2026 die Gelegenheit: In einem rhetorisch und inhaltlich glänzendem Vortrag legte Bernhard Pörksen zum Abschluss dieser gelungenen Kooperation zwischen Hochschule und Akademie vor gebannt Zuhörenden – darunter weitere Mitglieder der Hochschule und eine Reihe von Interessierten aus der Stadtgesellschaft – anschaulich seine Prinzipien guten Zuhörens dar. Quasi wie Leuchtbojen zum Zuhören dienen ihm die Perspektiverweiterung, also die Bereitschaft und Fähigkeit, sich im Gespräch auf das einzulassen, was zunächst fremd und anders ist, sodann die Balance zwischen Nähe und Distanz, Empathie und Abgrenzung. Weiter spricht er von einer „nicht-egozentrischen Kommunikation“ als Schlüssel echter Begegnung und nennt die Konkretion die Kunst, individuelle Geschichten, Nuancen, Widersprüche des Gegenübers erfassen zu können. Dazu erzählte Pörksen etwa von Kevin Briggs, der als Polizist an der Golden Gate Bridge allein durchs Zuhören mehrere hundert Menschen vom Selbstmord abgehalten hat. Im anschließenden Austausch mit dem Publikum wurde deutlich, dass hier ein Suchender und nachdenklicher Mensch spricht, der kein Kommunikationsexperte sein will und voller Demut die Notwendigkeiten und Chancen echten Zuhörens auslotet. Ein für alle Anwesende fulminanter Abschluss für eine gelungene Kooperation, die hoffentlich in der Zukunft ihre Fortsetzung finden wird. Oder wie es eine Studierende auf den Punkt brachte: „Gerne mehr!“

Angela Reinders (Akademie des Bistums Aachen) / Ulrich Feeser-Lichterfeld (katho)