was in diesen Tagen bewegt, so eine Prognose, wird in die Geschichte eingehen. Sicher, werden Sie denken. Der Mondumrundungsflug der Artemis 2. Der Irankrieg. Die Abwahl von Viktor Orbán in Ungarn.
„Das wird in die Geschichte unseres Bundeslandes eingehen“: Diesen Satz aber sprach vor etwa einem halben Monat Umweltminister Till Backhaus über die Strandung des Wales am Ufer seines Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern.
Um dieses Tier, wa(h)lweise auch mit Vornamen belegt, was wir nicht aufgreifen möchten, kümmert sich nun ein privates Team. Das hat sich ins Spiel gebracht, nachdem Menschen mit meeresbiologischem Sachverstand dem Wal wenig Überlebenschancen eingeräumt und auch die politisch Verantwortlichen sich dem angeschlossen hatten. Jedoch wurden sie vom Druck über soziale Medien, Schaulustige und persönliche Drohungen bis hin zu Mordankündigungen überrollt. Im neuen Team gibt es keine ausgewiesene Expertise in Walrettung. Es gibt einen Ex-Rocker, bis 2024 Mitglied der „Hells Angels“, der als Mitorganisator des rechtsradikalen Protestbündnisses „Gemeinsam für Deutschland“ (GfD) beim Verfassungsschutz auffällig wurde, Influencer und „Walflüsterer“. Es gibt im Team nicht mehr die zuerst beteiligte Tierärztin aus Australien, die angesichts dieser Zusammensetzung nicht mehr mitarbeiten wollte. Stefan Kruecken von Ankerherz beschreibt dies sehr anschaulich im Facebook-Account des Unternehmens (wer Facebook nutzt, findet das Unternehmen dort).
Wir haben den Wal. Und offenbar in Teilen der Bevölkerung kein Interesse daran, die Wahl für eine vernünftige Verständigung auf Sachverhalte zu haben, wie sie noch im November 2020 zwischen den beiden Trump-Amtszeiten möglich war. Da hob die gerade frisch zur Vizepräsidentin gekürte Kamala Harris hervor: „You chose science“ – „Sie haben sich für die Wissenschaft entschieden.“ Nach vier Jahren war das vorbei.
„Wissenschaft kann sich auch mal irren“, äußerte Umweltminister Backhaus auf einer Pressekonferenz. Der Satz ist vollständig richtig. Gerade der Wal ist selbst eines der besten Beispiele, wurde er früher als Fisch bezeichnet und ist doch, wie man heute weiß, ein Säugetier. Irrtümer der Wissenschaft geben den Ansporn dazu, mit weiterer Forschung die richtigen Erkenntnisse zu suchen. Nicht, sie mit privatem Geld zuzuschütten und sie mit einem Konzept zu überlagern, das komplett ihren Boden verlässt.
Ein Wal, der mit all dem in die Geschichte eingeht: Das bewegt uns in der Akademie, während wir „Geschichten und Gewissen“ als Jahresthema über unsere Arbeit geschrieben haben. Die Gesellschaft entscheidet sich offenbar gerade so, dass es keinen Konsens mehr geben muss für eine geeinte Geschichte, auf der sich gemeinsam weiterbauen lässt.
Es wäre zu kurz und schlicht falsch, zu denken, es läge einfach nur an einer Art Dummheit von einigen wenigen Menschen, die sich für andere Konzepte entscheiden. Diese anderen Konzepte, die Welt zu gestalten, haben ihren Reiz, wenn man der Spur von Deutungsmacht und auch der Spur von Geld folgen möchte. Letzteres zeigt etwa die enge Verbindung von Paypal-Gründer Peter Thiel oder auch dem reichsten Mann der Welt, Elon Musk, zur US-amerikanischen Regierung. „Verschärft werden die Entwicklungen durch Wissenschaftsfeindlichkeit, die bestimmte politische Richtungen schüren“, sagt Viola von Melis, Leiterin des Zentrums für Wissenschaftskommunikation am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster (GKP, Informationen), „gepaart mit Verschwörungserzählungen – die sich wiederum selbst den Anschein von Wissenschaftlichkeit geben. In den USA sehen wir, wie weit das gehen kann.“
Da liegt noch ein ganzer Ozean dazwischen, möchte man glauben. Aber ist das alles weit weg?
Bei unserem Format „Binge“ nehmen häufig viele junge Lehrpersonen teil und erzählen, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler zunimmt, die ein kreationistisches Weltbild haben: Zu Hause wird ihnen vermittelt, es gebe keine Evolution. Die Welt sei wortwörtlich so geschaffen, wie es in der Bibel steht, in genau sieben Tagen. Es schwappt doch mehr von den USA herüber, als man sich in diesem Fall wünschen möchte. Arnd Henze beschreibt in seinem Buch „Mit Gott gegen die Demokratie“, wie die USA noch und heute wieder neu von juristischen Auseinandersetzungen darum geprägt sind, ob man die Evolutionstheorie im Unterricht überhaupt besprechen darf. Auch davon erzählt er am 29. Mai bei uns.
Weit weg? Die AfD Sachsen-Anhalt beschreibt in ihrem „Regierungsprogramm“ unter dem Punkt „Bildungspflicht statt Schulzwang“ als ihr „Modell eine Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht“, und „Schulbesuch als Angebot, das der Staat vorhalten muss, das die Eltern jedoch nicht zwangsläufig annehmen müssen“. Eltern bieten ihren Kindern als Bildungsinhalt an, wovon sie selbst ganz subjektiv überzeugt sind. Verlinken möchten wir die Seite hier nicht, um sie nicht mit mehr Aufrufen als nötig zu belohnen.
Weit weg? In Österreich wurde im vergangenen Jahr das Stift Heiligenkreuz visitiert. Missbrauch war der eine Anlass, ein anderer die Äußerungen eines Ordensmitglieds, das Theologie lehrt, zur Akzeptanz der Todesstrafe bei Häresie. Es bestehen Verbindungen zwischen ihm und der neuen Rechten in den USA.
Weit weg? Die Themen rücken uns so nah, dass wir einiges zum Verhältnis der USA zu Europa in unserem Programm haben und vor allem unsere Sommer(semester)akademie Ende des Monats dazu empfehlen: „Der (digitale) Kreuzzug auf die Demokratie“, unter anderem mit dem Thiel-Kenner Wolfgang Palaver, dem Fernsehjournalisten Andreas Spinrath und Mitarbeiter:innen aus dem Netzwerk FundiWatch, immer ganz eng und aktiv dran, wenn christlicher Fundamentalismus Menschenleben und allgemein die Gesellschaft bedroht.
Ob der Wal noch lebt, wenn Sie dies lesen, wissen wir nicht. Wie Sie sich denken können, hat der Prozess zwischen der Vorbereitung des Newsletters und seinem Versand einige Tage Vorlauf. Vielleicht haben die reichen Geldgeber hinter dem Rettungsplan es geschafft, den Wal aus der Ostsee in sein Heimatgewässer zu bugsieren, welche Chance auch immer er dort hat.
Uns liegt am Herzen, die Wahrheiten gemeinsam zu suchen und im Abwägen von Argumenten zu Überzeugungen zu gelangen. Es müssen nicht immer die gleichen Meinungen sein. Jedoch immer von der Haltung getragen, dass wir uns friedlich und unter Anerkennung der Würde aller Wesen darüber verständigen können.
Dazu laden wir Sie bei unserem Angebot ein.
Mit herzlichen Frühlingsgrüßen im Namen des ganzen Teams der Akademie
Dr. Angela Reinders, Direktorin |